LEBEN WIE EIN LOCAL – EINBLICK IN DEN ALLTAG EINER AUSTRALISCHEN FAMILIE

Es ist Anfang des Monats. Ich sitze gerade im Wohnzimmer unseres Arbeitgebers und schreibe diesen Beitrag. Seine Frau sitzt neben mir, ebenfalls am Laptop, und bezahlt Rechnungen via Online-Banking. Seine acht-jährige Tochter sitzt vor mir, malt in einem Malbuch und schaut nebenbei „Mamma Mia“ im Fernsehen. Ich denke kurz nach. Was macht eine Australische Familie eigentlich aus? Was soll ich in diesen Beitrag schreiben? Sind sie nicht einfach so, wie jede andere Familie auch? Ich schweife ab und versinke in Gedanken. Nein. Nein sind sie nicht – denke ich und muss lächeln.

Alles fing damit an, dass Peter und unser Travelmate Kevin durch Zufall einen Job auf einer Baustelle angeboten bekamen. Phil (Name geändert) hat ein Bauunternehmen und benötigte dringend Verstärkung, um ein Holzhaus zu bauen. Er selbst war nach einem schweren Sturz in den Bergen nicht mehr in der Lage, es alleine fertig zu stellen. Unter seiner Aufsicht sollten die beiden nun in die Welt als Schreiner eintauchen dürfen und auch ich durfte das ein oder andere Mal mit anpacken. Wer kann schon von sich behaupten, in Australien ein Holzhaus gebaut zu haben?

Mit Phil haben die beiden einen wirklich tollen, gutherzigen Arbeitgeber gefunden. Nicht selten werden Ihnen das Mittagessen und kühle Getränke bezahlt. Als er uns am zweiten Tag fragte wo wir denn zurzeit schlafen würden, reagierte er entsetzt auf unsere Antwort. Wir nannten eine Tankstelle in etwa einer Stunde Entfernung schon seit Tagen unser Heim.

Kurzerhand beschloss Phil zusammen mit seiner Frau, dass er das nicht ertragen könne und lud uns zu sich nach Hause ein. Vor und hinter seinem Haus baute er jeweils ein Zelt auf und machte Platz für unsere „Schiffe“ in seiner Einfahrt. Seine Frau Ella zeigte uns die Räumlichkeiten, immer wieder sagte sie die Worte „just help yourself“ – was soviel heißt wie „fühlt euch wie zuhause“. So viel Großzügigkeit haben wir wirklich nicht erwartet. Seine Familie ist wirklich zuckersüß. Im Haus leben neben seiner Frau Ella auch die beiden jüngsten Kids, eine ältere Tochter sowie Kater Gerry, Hund Milow, Hase Lucky und Mehrschweinchen Sam. Ganz schön was los, oder?

Peter und Kevin gingen nun also jeden Morgen gemeinsam mit Phil aus dem Haus, ich blieb daheim und beschäftigte mich mit den Kindern, die aufgrund der australischen Sommerferien zuhause waren.
Eigentlich waren wir aber nie wirklich alleine, denn egal ob Tante, Oma oder Nachbarin – alle Menschen sind im Haus willkommen und gingen tatsächlich genauso ein und aus wie die Katze.
Ein sehr dramatisches Erlebnis hatte ich allerdings auch schon. Ich hatte meinen ersten Einsatz als „Super-Nanny“, denn Ella und Phil waren aus dem Haus und überließen mir die Verantwortung für die Kids. Es lief alles super – wir schauten „die Bärenbrüder“, „Alice im Wunderland“ und spielten Jenga. Gegen Nachmittag beschloss der 11 jährige Sohn Tay mit einer Klassenkameradin Fahrrad fahren zu gehen. Da ich wusste wo die beiden hin wollten und ich im Vorfeld die Erlaubnis der Eltern hatte, war das kein Problem. Ich ließ ihn ziehen und blieb mit der jüngsten Tochter alleine im Haus.

Ich hörte mir gerade ihre ersten Versuche auf dem Klavier an, als Tay mit dem Fahrrad durch den Garten düst, es zusammen mit seinem Helm auf die Seite schmeißt und weinend durch die Eingangstür rennt. Mein erster Gedanke war, dass er alleine war. Wo war seine Klassenkameradin? Ich rannte ihm in sein Zimmer hinterher und fand ihn zusammengekauert auf der Bettkannte. „Ich bekomme keine Luft, ich kann nicht Atmen“ – sagte er immer wieder und weinte fürchterlich. Ich versuchte ihn zu beruhigen, holte im ein Glas Wasser und setzte ihn aufrecht, damit er besser Luft bekam. Seine Freundin war wohlbehalten bei ihren Eltern. Ella kam nach meinem Anruf sofort nach Hause und kümmerte sich um Tay. Da sie als Krankenschwester arbeitet, wusste sie natürlich, was zu tun ist. Dem Jungen geht es mitlerweile wieder besser und der Schock ist überstanden.

Am Abend bestellte Phil für uns alle zusammen Indisch. Ella kocht nicht gerne. Sie bezeichnet sich selbst als abrgundtief schlechte Köchin. Sie hat einen wundervollen Humor. Als ich einmal sagte, ihr Essen würde doch sehr lecker aussehen, antwortete sie scherzhaft, dass ich wohl sehr hungrig sein müsse. Noch bevor die Bestellung eintraf, gingen die Kids ohne Aufforderung raus, um die Tiere zu füttern. „Wenn die Menschen essen, dann essen auch die Tiere.“ – Zucker! Ich erinnere mich an meine Kindheit, als meine Mutter mich ständig daran erinnern musste, dass meine Katze auch hunger hat – schande über mich.

Generell beschäftigten sich die Eltern sehr viel mit ihren Kindern. Wann immer sie neben der Arbeit Zeit hatten, spielten sie mit ihnen, machten Quatsch oder kuschelten einfach zusammen auf der Couch. Die Kinder spielen tagsüber Klavier, haben Basketballtraining und nehmen Balletstunden. Naja, Tay nimmt Balletstunden – das Mädchen spielt Basketball.
Abends um 21 Uhr ist es still im Haus. Die Kinder liegen im Bett und bekommen von ihren Eltern Gute Nacht gesagt. Die Taschen für den nächsten Tag sind schon gepackt, er beginnt sehr früh.

Mitlerweile ist eine längere Zeit vergangen. Ella hat ihre Rechnungen fertig und telefoniert. Mamma Mia läuft nicht mehr, der Fernseher ist aus. Die Tochter baut gerade wortlos das „Spiel des Lebens“ auf und wartet mit glitzernden Augen auf uns.

Posted on: 1. Februar 2018

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