NEID AUFS REISEN – DAS LEBEN ALS BACKPACKER

Backpacking ist kein Dauerurlaub

Geburtstag. Dieser eine Tag im Jahr. Der Tag, an dem du plötzlich beginnst, nach einer höflichen Gratulation Smalltalk mit Menschen zu führen, von denen du sonst das ganze Jahr über nichts hörst. In manchen Chatfenstern kann man sogar die Konversationen der vergangenen Geburtstage nachlesen, weil man dazwischen einfach keine Worte füreinander hatte.

Das ist auch überhaupt nicht schlimm. Ich freue mich, wenn Personen wenigstens an meinem Geburtstag einen Grund haben, sich bei mir zu melden und dann beiläufig Interesse an meinem derzeitigen Wohlbefinden alá „Ich hoffe, dir geht´s gut?“ zeigen. Und seien wir ehrlich, wenn Facebook nicht fürsorglich jeden aus der Freundesliste jedes Jahr auf´s Neue daran erinnern würde, mir zu gratulieren, wären viele Chatfenster leer.
Doch gestern war alles ein bisschen anders, als in den vergangenen Jahren.

Natürlich ist durch unseren Blog und auch durch unsere starke Präsenz auf Instagram (fast) Niemandem entgangen, dass wir uns zurzeit nicht in Deutschland befinden. Ich bekam viele Glückwünsche nach Down Under, Australien, oder „wo auch immer ich grade bin“. Eine Gratulation ging sogar nach Afrika – da musste ich ein wenig schmunzeln :).
Dann kamen sie. Die Nachrichten, bei denen ich wirklich schlucken musste. Ich las Sätze wie „echt, schon so lange unterwegs?“, „Na du musst ja Kohle haben!“ oder „Ich hätte auch gerne mal so lange Urlaub wie du.“

Das sind Nachrichten, die mich die letzte Nacht begleitet haben und mich heute diesen Beitrag schreiben lassen. Kurz hatte ich das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Dafür, dass ich diesen Weg gewählt habe. Mich erklären zu müssen, ja vielleicht sogar zu entschuldigen. Aber für was eigentlich?

Backpacking ist kein Urlaub

BACKPACKING IST KEIN URLAUB

Wir sind nun seit exakt 172 Tagen unterwegs. Davon haben wir nach heutigem Stand 107 Tage lang gearbeitet und es kommen noch einige Tage dazu. Natürlich gibt es auch Menschen, die mehr Reisen als Arbeiten. Hätten wir wohl auch gemacht, wenn das Glück auf unserer Seite gewesen wäre. Zu den Glücklichen zählen wir aber leider nicht und das ist okay. Man kann eben nicht alles haben.
Aber auch die meisten freien Tage fühlen sich nicht wie Urlaub an. Wir planen, recherchieren über Reiseziele, legen Routen und Haltepunkte fest. Wir fahren bis zu 4 Stunden täglich im Auto. Wir Reisen, um Dinge zu sehen, Erlebnisse zu sammeln. Wir reisen nicht, um uns an den Strand zu legen, Cocktails zu schlürfen und uns dabei die Füße massieren zu lassen.

KEIN SACK VOLL GOLD

Um überhaupt losziehen zu können, mussten wir vor Beginn der Reise finanziell einige Gänge runterschalten. Essen gehen war nicht mehr, neue Klamotten brauchten wir auch nicht und einen Friseur habe ich auch ein 3/4 Jahr vor Abreise das letzte mal gesehen. Und das geht auf Reisen natürlich weiter. Wir sind Backpacker, keine Luxus-Hotel-Tester. Wir kochen unser Essen selbst, kaufen Lebensmittel mit Bedacht und verbrauchen alles, um nichts wegzuwerfen. Wir drehen jeden Dollar zweimal um, bevor wir ihn ausgeben. Wenn das Geld knapp wird, arbeiten wir. Wir hatten keinen Schatz im Keller vergraben, keinen Goldesel im Wohnzimmer stehen und auch keine Bank ausgeraubt. Losziehen und reisen kann jeder, unabhängig von seiner finanziellen Situation. Man muss aber auch etwas dafür tun und sich die Frage stellen, ob man das auch wirklich möchte.

GUTER UND BÖSER NEID

Laut Wikipedia gibt es zwei Arten von Neid. Um nicht zu weit auszuholen teile ich die beiden jetzt mal in „Gut“ und „Böse“.

Der Gute Neid bringt den Neider zur Handlung und spornt an. Die Person hinterfragt, was sie selbst tun kann, um die eigene Situation zu verbessern und das zu bekommen, was andere haben.

Der Böse Neid hingegen ist mit Missgunst zu vergleichen. Die Person gönnt es einem nicht, bestimmte Dinge zu erreichen oder zu besitzen und möchte am liebsten selbst alles haben. Es ist dabei egal, was man versucht, um das Gefühl der Person zu ändern. Denn wenn es nicht das Reisen ist, dann sind es die Fotos, der Beruf, das Hobby. Diese Menschen finden immer etwas, mit dem sie nicht zufrieden sind.

Neid aufs Reisen

Versteht mich nicht falsch – jede Person hat Laster und so bin auch ich auf manch Andere Neidisch – das ist ganz normal. Doch versuche ich, den Neid nicht auf die Negative Ebene zu lassen und zu hinterfragen, warum ich unzufrieden bin. Ich sehe es als Inspiration und das klappt auch ganz gut, sonst wäre ich wohl jetzt nicht hier in Australien, sondern immernoch im Büro.

Ich muss mich nicht rechtfertigen, für das was ich tue. Und das werde ich auch nicht mehr. Ich muss mich schon gar nicht entschuldigen. Ich tue das, was ich für richtig empfinde. Das, was mir Spaß macht. Und ich stehe dazu, weil ich es liebe.

Und die vielen anderen Geburtstagsnachrichten von ganz tollen lieben Menschen, die mich gestern auch erreicht haben, bestätigen mir das.

Posted on: 22. März 2018

3 Gedanken zu “NEID AUFS REISEN – DAS LEBEN ALS BACKPACKER

  1. Toll geschrieben und so wahr….. Ich freue mich für euch und bin auch ein klein wenig neidisch ☺️… Darauf dass ihr den Mut dazu hattet. Den braucht man nämlich auch dazu. Weiterhin viel Spaß und Glück und Zufriedenheit und vor allem auch Gesundheit und ehrliche Menschen um euch herum. LG Ruth

  2. Hallo Ihr Beiden,

    erstmal möchte ich Dir, liebe Jessy, nachträglich ganz herzlichst zu Deinem Geburtstag gratulieren!!!
    Mein lieber Mann (Bernd, welcher einer Eurer Freunde hier an der Sunshine Coast wurde) hat mich auf Euren neuesten Beitrag hier aufmerksam gemacht und wir sind alle zwei teilweisse bestürzt, doch andersweiting nicht unbedingt überrascht über die Neider in Deutschland.
    Dein Beitrag ist ganz fantastisch und ich hoffe, dass Du diesen Leuten damit den Mund stopfen konntest.
    Wir „eingewanderte Australier“ haben allergrösste Hochachtung für die Backpackers hier und wissen auch selber was es heisst mit sehr wenig Geld auszukommen. Ach ja, und wir sind sogar am Anfang von Deutschen übers Ohr gehauen worden!
    Wir wünschen Euch jedenfalls noch eine wunderschöne Zeit hier, trotz harter Arbeit!!!

    1. Hallo Rikki,
      vielen Dank für deinen lieben Kommentar und die Glückwünsche! 🙂
      Freut uns sehr, von euch beiden zu hören, wir hoffen euch geht es gut. Wir lassen uns keines Falls den Spaß am Reisen dadurch nehmen und genießen jede Minute.
      Liebe Grüße aktuell aus dem Outback 😉

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