VON KÜHEN, KÄLBERN UND LUSTIGEN ALBTRÄUMEN – FARMWORK DIE ZWEITE

Als wir Melbourne verlassen und uns auf den Weg ins Inland zu unserem nächsten Farmjob machen, staunen wir nicht schlecht, als sich die Vegetation verändert. Es wird heiß, die offenen Fenster des Autos reichen nicht mehr aus und wir schalten zum ersten Mal in Australien die Klimaanlage an. Die Pflanzen werden farbloser, die Felder größer und die Straßen gehen straight gerade aus. Es geht von der Metropole raus ins absolute Nichts.

Unsere neue Position auf der Farm nennt sich „Milking Operator“ – kurz gesagt: wir melken Kühe. Als wir ankommen, werden wir bereits erwartet. Ein Farmer fährt mit uns zu unserer Unterkunft. Wir fahren über kilometerlange Feldwege – vorbei an zwei, drei Bäumen und landen letztendlich bei einem kleinem Container, umgeben von – naja, nichts. Wir staunen nicht schlecht und sind entsetzt. In diesem Ding sollen wir etwa die nächsten Wochen wohnen? Der Farmer ist freundlich aber kurz angebunden und verschwindet mit den Worten „make yourself a home“, was soviel heißt wie „fühlt euch wie zuhause“. Naja, ok.

Unser Container auf der Farm

Als wir den Container betreten sieht die Sache allerdings schon wieder ganz anders aus. Der sehr wohnlich eingerichtete Container hat seperate Bade- und Schlafzimmer, sowie ein Wohnzimmer mit Fernseher und eine offene, voll ausgestattetete Küche. Der Container hat tatsächlich alles, was man zum Leben braucht. Vielleicht waren wir die letzten Tage durch die liebevolle Unterkunft von Phil und Ella einfach nur sehr verwöhnt. Im Schlafzimmerschrank befinden sich Klamotten von vergangenen Backpackern, die für die Farm gearbeitet haben. Wir suchen uns die für uns passensten Sachen für die erste Schicht aus. Weil wir von der langen (und langweiligen) Autofahrt sehr müde sind, gehen wir direkt nach dem Essen ins Bett.

Der letzte Abend in Freiheit

Unsere erste Schicht beginnt um 11:45 Uhr. Unsere Travelmates Jacky und Stefan, mit denen wir im Dezember bereits zusammen gereist sind, holen uns ab und zeigen uns den Weg zur Farm. Knapp 700 Kühe werden dort drei mal täglich gemolken. Normal hat man zwei Schichten pro Tag, die mit jeweils 3 Stunden Pause voneinander getrennt sind. Wir Langschläfer haben das Glück, in die Nachmittags- und Abendschichten gerutscht zu sein, denn die Frühschicht beginnt bereits um 3:45 Uhr.
Die Kühe stehen auf einem Rondell und drehen sich im Kreis. Nach einer Runde sind die Tiere fertig und verlassen ihren Platz (wenn es gut läuft – dazu gleich mehr) selbstständig.

Die eigentliche Aufgabe ist easy: einer treibt die Tiere ein, einer wäscht die Euter, einer macht die Maschine dran und der Letzte desinfiziert und ist dafür zuständig, dass die Kühe auch wirklich das Rondell verlassen. An heißen Tagen erweist sich der Part tatsächlich als große Herausforderung, denn dass es in der Halle schön kühl ist gefällt der ein oder anderen Kuh natürlich sehr.
Das wirklich einzige, was wir an der ganzen Sache nicht so lecker finden: Kühe stinken brutal. Und Kühe nehmen keine Rücksicht auf uns, wenn sie ihr Geschäft erledigen. Du glaubst gar nicht, wie viel in so eine Kuh reinpasst! Da dauert die Entlehrung der Blase schon gerne mal ’ne halbe Minute – je nach Laune und Mittagessen auch mal länger. Wir freuen uns jedenfalls wirklich nach jeder Schicht unglaublich dolle auf unsere Dusche.

Jessy nach der Arbeit
Jessy nach der ersten Schicht

Unser persönliches Highlight in der Nachmittagsschicht ist das Füttern der Kälber. Die jüngsten von ihnen sind dann meistens gerade mal ein paar Stunden alt und müssen mit der Flasche gefüttert werden. Die etwas Älteren bekommen Eimer mit Milch. Die kleinen Racker stehen total dadrauf und rasten meistens vollkommen aus, wenn sie uns schon kommen sehen.

Abendspaziergang

Die Abendschicht ist mit knapp 3,5 Stunden dann etwas kürzer, weil die Fütterung der Kälber wegfällt. Gegen Mitternacht fallen wir dann meistens total erschöpft ins Bett und schlafen auch sofort ein. Wer nun auf den witzigen Part unseres Artikels gewartet hat, kann ihn nun in vollen Zügen genießen. Jessy hat mit der Verarbeitung der Erlebnisse Nachts noch kleine (oder große) Schwierigkeiten. So kommt es nicht selten vor, dass sie mitten in der Nacht zum Fenster rennt, weil sie meint, eine Herde Kühe spaziere gerade an unserem Container vorbei oder laut „ich muss die Kuh noch fertig melken“ ruft. Das bisher Beste war jedoch, als sie wohl träumte, dass eine Kuh auf sie falle und sie ausweichen müsse. Das tat sie dann auch in Realität, stieß sich vom Bett ab und landete mit einem lauten Schrei auf dem Fußboden.

Wirklich schön sind hier Abends die Sonnenuntergänge, die uns jeden Tag daran erinnern, wie schön Australien ist. Wir lieben es, über die weiten Felder zu spazieren und Bilder mit der untergehenden Sonne zu machen.

Leider ist es uns nicht erlaubt, Bilder von der Farm selbst zu zeigen. Das liegt allerdings nicht daran, dass wir uns auf einer Farm mit äusserst schlechten Bedingungen befinden, wie vielleicht angenommen – ganz im Gegenteil. Jedes einzelne Tier wird von den Farmern geliebt und das merken wir auch. Jede Kuh hat ihren eigenen Namen. Wir konnten uns vorher garnicht vorstellen, dass es tatsächlich möglich ist, eine solche Bindung zu Kühen aufzubauen. Und auch wir merken allmählich, dass die großen, gefleckten Tiere mit den großen Ohren und den Kulleraugen ja doch ganz süß sind.

Posted on: 13. Februar 2018

2 Gedanken zu “VON KÜHEN, KÄLBERN UND LUSTIGEN ALBTRÄUMEN – FARMWORK DIE ZWEITE

  1. Oh wie schön. Glaube gern, dass das sehr anstrengend ist. Aber es ist wirklich toll, dass ihr so viele unterschiedliche Möglichkeiten habt, zu arbeiten. Die Vielfalt macht es aus und man muss sich immer wieder neu einstellen und das ist echt was fürs restliche Leben. Die Fotos sind wie immer spitzenmäßig und ihr schreibt so schön, man glaubt, dabei zu sein.
    Träumt ihr schon in Englisch? Dann seid ihr richtig angekommen. Viel Spaß weiterhin. LG Ruth

    1. Haha, tatsächlich ertappen wir uns manchmal dabei, wie wir manche Sätze auf Englisch „denken“. Hat aber vor kurzem erst angefangen ;). Viel lustiger ist die Tatsache, wie Merkwürdig es klingt, wenn man plötzlich Deutsch spricht, weil man den ganzen Tag Englisch sprechen musste 😀 Auf Englisch geträumt haben wir aber bisher noch nicht.

      Liebe Grüße!

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